Lockdown Light 2020

Ist der „Lockdown Light“ sinnvoll? (Covid-19)

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Am 28.10.2020 haben sich die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel per Videokonferenz zu einer Krisensitzung verabredet. Es wurde einstimmig entschieden, dass ab dem 02.11.2020 ein weiteres wichtiges Maßnahmenpaket – der „Lockdown Light“ bzw. zweite Lockdown – durchgesetzt werden soll.
Dies beinhaltet

  • die Beschränkung von Kontakten auf max. zwei Haushalte bzw. zehn Personen
  • die Schließung von Gastronomiebetrieben (nur noch Essen „to Go“ möglich)
  • die Schließung von Freizeiteinrichtungen wie z.B. Kino oder Theater
  • ein Verbot von Übernachtungen in Hotels und Pensionen für Touristen
  • die Einstellung von Amateur- und Freizeitsport – Profisport ohne Zuschauer
  • eine Erstattung von bis zu 75% des Umsatzes aus dem November 2019 für geschlossene Firmen.

Seit Bekanntgabe dieser Informationen ist eine regelrechte Diskussion in den Medien ausgebrochen. Zahlreiche Experten, Politiker und Betroffene melden sich zu Wort. Da kann es schwierig sein den Überblick zu behalten. Im Folgenden sollen alle wichtigen Aspekte beleuchtet werden.

Argumente

Anhand von Zitaten sollen einige Meinungen eingefangen werden, die es einem ermöglichen, einen diversifizierten Blick über die Gesamtsituation zu bekommen.

PRO

„Wir müssen diesen Trend stoppen, die Politik muss handeln. Uns bleibt keine andere Wahl.“

Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Die Situation sei „absolut besorgniserregend“. Deshalb spricht er eine Warnung vor der Überlastung von Krankenhäusern und Intensivstationen aus.

 

„Die gestrigen Beschlüsse waren richtig und fällig, ich fand sie gar ein bisschen überfällig.“

Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charite

„In der gegenwärtigen Lage ist das ethisch gerechtfertigt. Wenn es zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen kann, dann sind auch sehr drastische Maßnahmen ethisch gerechtfertigt. Aber die Folgeschäden müssen abgefedert werden. [im Bezug auf zerstörte Existenzen und Arbeitslosigkeit]“

Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

Die Coronabeschränkungen seien „fürchterlich, aber notwendig“, so Buyx. Man müsse viele Abwägungsfragen und Konflikte beachten.

Ein Hauptargument der Politik ist, dass es wichtig ist jetzt zu handeln, bevor noch härtere Maßnahmen eingesetzt werden müssten.

„Unser Leitsatz ist:

Das Nützliche und das Angenehme einzuschränken, um das Notwendige zu erhalten.“

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württemberg

 

„Wir befinden uns zu Beginn der kalten Jahreszeit in einer dramatischen Lage. Sie betrifft uns alle. Ausnahmslos.“

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Auch der bevorstehende und erwartete Anstieg im Herbst/Winter dient als Anlass zur Sorge und somit auch Grund für den Lockdown Light.

Auf die Punkte klicken, um Zitate zu öffnen.

Fazit PRO

Der Hauptgrund für den zweiten Lockdown ist der Schutz der Bevölkerung. Eine weitere und exponentielle Ausbreitung von Covid-19 soll auf jeden Fall verhindert werden. Hierbei geht es noch nicht einmal zwingend um die Todesfälle. Man muss auch Langzeitfolgen von Menschen, die nicht im Krankenhaus waren, im Blick behalten. Auch das gilt es zu verhindern.

Lesen Sie hierzu: Post-Covid-Syndrom: Gefahr von Corona Langzeitfolgen

Wichtig ist auch, dass es nicht reicht, wenn man einfach nur eine zunehmende Anzahl an Intensivbetten zur Verfügung stellt – denn es fehlt an Pflegepersonal.

Ein anderer Punkt ist die Dauer der Belegung von Intensivbetten. In vielen Fällen sind schwere Coronafälle nämlich bis zu sechs Monate auf eine intensivmedizinische Betreuung angewiesen. So könnte es irgendwann dazu kommen, dass immer mehr Menschen ein Bett benötigen, diese aber noch von älteren (nicht im Bezug auf das Lebensalter) Patienten belegt sind.

Intensivbehandlung Covid-19

Zu den Coronalangzeitfolgen ist mittlerweile auch noch eine weitere Symptomatik entdeckt worden.
Forscher am Imperial College in London haben 85.000 Patienten im Bezug auf IQ-Verlust nach einer Covid-19 Erkrankung untersucht.

Schwere Verläufe verlieren bis zu 8,5 IQ Punkte, was einer Alterung des Gehirns um 10 Jahre (im Alter zwischen 20 – 70) entspricht.

Studie Corona
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CONTRA

„Anders als bisher angenommen, wird vermutlich das Wachstum im 4. Quartal 2020 im Vergleich zum dritten Quartal zum Stillstand kommen. Ein Rückgang ist möglich, hängt aber davon ab, ob es zu privater Konsumrückhaltung kommt. Die Industrie wird wohl weniger stark in Mitleidenschaft gezogen.“

Gabriel Felbermayr, Präsident des IfW-Instituts

Die Schäden durch den „Lockdown Light“ werden zwar nicht so groß sein wie durch den ersten, da es „nur“ vier Wochen sind und auch nicht alles geschlossen ist, dennoch wird er Spuren hinterlassen. Es wird vor allem konsumnahe Bereiche des Einzelhandels treffen.

Ein kleiner Lichtblick ist die bestehende Öffnung von Schulen und KiTas, da so eine Betreuung der Kinder gewährleistet ist – Eltern können in die Arbeit gehen.

„Wenn die Geschäfte als einzige geöffnet sind, alle anderen Branchen rundherum schließen müssen und die Menschen in einer faktischen Ausgangssperre zu Hause bleiben, dann sind die Händler in einer sehr schwierigen Lage.“

Stefan Genth, Geschäftsführer Handelsverband Deutschland

„Durch die Basis-Regeln können wir die Pandemie gut überstehen – wir müssen sie allerdings konsequent umsetzen. […] Die Maßnahmen sind weder zielgerichtet, noch verhältnismäßig. […] Es kann nicht das Ziel sein, einen bestimmten Feiertag im Blickpunkt zu haben: Weihnachten ist aus Pandemie Sicht und aus einer Sicht der Pandemiebekämpfung an den Haaren herbeigezogen. Wir werden nächstes Weihnachten noch damit zu tun haben, und das Jahr darauf.“

Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe

Deutschland hat es versäumt alle Menschen aufzuklären. Die BRD hätte sich einfach an den Leitlinien der WHO orientieren sollen, die über jahrelange Erfahrung in der Pandemiebekämpfung verfügt. (Vgl. Ebola, Zika, usw.)

Außerdem fehlt es an einer langfristigen Strategie.

„Der erneute Lockdown ist ein Überbietungswettbewerb im Erlassen von Maßnahmen. Wir glauben als Ärzte, dass es falsch ist, nur apokalyptische Bedrohungsszenarien aufzuzeigen – ohne, dass wir dabei verharmlosen. […] Damit riskieren wir bleibende Schäden, die wir schon teilweise haben. […] Wir sehen aber die Herangehensweise an die Bekämpfung anders als die Kanzlerin. Wir wollen die Diskussion in der Ärzteschaft auch weiter führen und betrachten dies als Initialzündung. […] Wieder auf Lockdowns zu setzen, könnte – in der Hoffnung Infektionszahlen zu senken – die reflexartige Konsequenz […] sein. […] Der Rückgang der Fallzahlen ist politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis.“

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)

Es ist wichtig Deutschland nicht in eine Künstliches Koma zu versetzen bis irgendwann ein Impfstoff da ist. Das ist nämlich noch ein weiter Weg. Die KBV hat das gleiche Ziel wie die Bundesregierung, aber eine andere Herangehensweise.

Wir stehen vor einem Marathonlauf. […] Nach der Konferenz ist vor der Konferenz.“

Hendrik Streeck, Virologe

Das Problem ist, dass die Maßnahmen nur sehr kurzfristig gedacht sind. Es fehlt schlichtweg an einer langfristigen Strategie.

„Für viele Betriebe im Gastgewerbe kommt der neuerliche Lockdown ohne schnelle und massive Hilfe einem Todesstoß gleich.“

Guido Zeitler, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten

„[Die Maßnahmen] sind […] juristisch fragwürdig und führen mit zu erwartenden Klagen zu weiterer Unsicherheit bei der Bevölkerung und den Betrieben.“

Andreas Mattner, Präsident Zentraler Immobilienausschuss

„Und obwohl die Testphase gezeigt hat, dass die Konzepte funktionieren, dreht man uns doch den Saft ab. Das ist bitter.“

Stefan Holz, Geschäftsführer Basketball-Bundesliga

„Wir haben überhaupt kein Verständnis mehr für das ständige Auf und Ab der ergriffenen Maßnahmen.“

Hauptverband Deutscher Filmtheater

Auf die Punkte klicken, um Zitate zu öffnen.

Fazit CONTRA

Aufseiten der Gegner von „Lockdown Light“ stehen die signifikanten Wirtschaftlichen Folgen, das Fehlen einer langfristigen Strategie und die schiere Willkür der Bundesregierung um Umgang mit den Existenzen vieler Menschen.

Auch Ökonomen kritisieren die Maßnahmen. Laut ihnen wäre es besser zwei Wochen einen radikalen Lockdown zu machen, als vier Wochen einen „halbherzigen“.

Restaurants, Bars, Kneipen, Fitnessstudios, usw. sind ebenso erschüttert, haben sie doch extra Hygienekonzepte ausgearbeitet und teure Schutzgegenstände gekauft. Das scheint nun alles um sonst gewesen zu sein.

Merkel antwortet folgendermaßen:

„So viele Hygienekonzepte wurden erarbeitet, und die Betroffenen fragen sich, war das alles umsonst? Ich antworte: Nein, war es nicht! Aber im gegenwärtigen exponentiellen Infektionsgeschehen können die Konzepte ihre Kraft nicht mehr entfalten.“

Die Bundeskanzlerin beschreibt also, dass die verschiedenen Hygienekonzepte nicht mehr ausreichend sind. 

Auf der anderen Seite gibt sie zu, dass man 75% der Infektionsfälle nicht mehr nachverfolgen kann, sprich man weiß in 3/4 der Fälle nicht, wo sich Menschen angesteckt haben.

Restaurantbetreiber beschweren sich nun, warum es ausgerechnet sie trifft, obwohl man nicht bestätigen kann, dass die Infektionen vermehrt in der Gastronomie auftreten.

Bekannt ist aber, dass sich die meisten Menschen im privaten Umfeld anstecken. Es besteht also die Gefahr, dass die ohnehin „Unvernünftigen“ einfach privat weiter machen, anstatt an Orten mit Hygienekonzept.

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